«Sobald ich im Sägemehl stand, war Nervosität weg»

Während der wegen dem Coronavirus schwingfreien Zeit werden auf www.schlussgang.ch regelmässig Porträts von Schwingergrössen aus der Vergangenheit aufgeschaltet. Heute ist Harry Knüsel, der einzige Schwingerkönig der Innerschweizer, an der Reihe. In die Wiege wurde Harry Knüsel der Schwingsport nicht gelegt. Trotz spätem Start in die aktive Laufbahn gelang ihm 1986 mit dem Schwingerkönigstitel ein Erfolg, wie keinem anderen Innerschweizer davor oder danach.
Harry Knüsel 1986 in Sion nach seinem grössten sportlichen Erfolg der Laufbahn.
Lange Zeit hatte der Schwingsport im jugendlichen Leben von Harry Knüsel kaum Bedeutung. «Aus eigener Initiative habe ich mit 16 Jahren im Schwingsport geschnuppert, aber wieder aufgehört.» Durch Zureden seines Umfelds entschied er sich mit 18 Jahren nochmals um.
 
Aufstieg ab 1983
Nur drei Jahre nach seinem Wiedereinstieg gewann er 1982 seinen ersten Kranz, ein Jahr danach folgte ein rasanter Aufstieg. «1983 beim Innerschweizer Schwingfest in Ruswil mit der Schlussgangteilnahme kam ich erstmals so richtig in den Fokus», sagt Harry Knüsel, der damals Peter Schelbert II unterlag.
 
Den sportlichen Aufstieg setzte Knüsel im damals starken Zuger Team mit den ersten Festsiegen fort. Besonders in Erinnerung bleibt das Jahr 1986, als er bei 20 Schwingfesten 13 Mal siegte und 16 Mal im Schlussgang stand.
 
Unvergessliches Sion
Der Höhepunkt 1986 war unbestritten das Eidgenössische in Sion. «Die Experten hatten sieben Favoriten auf dem Zettel, mit dem Brünig-Sieg kam ich als achter in diesen Kreis.» Nervös wurde er deswegen aber nicht. «Ich habe mir immer wieder gesagt, dass es ‘nur’ ums Schwingen geht. Das hat mir Druck genommen.»
 
Der Start verlief mit dem Sieg gegen Jörg Schneider perfekt. Trotz der anschliessenden Niederlage gegen den zweifachen Schwingerkönig Ernst Schläpfer liess er sich nicht aus der Ruhe bringen und gewann die nachfolgenden zwei Paarungen gegen Andreas Schaetti und Hanspeter Rufer. Mit den Siegen am Sonntag gegen Lothar Hersche, Urs Geissbühler und Johann Santschi stand die Qualifikation für den Schlussgang fest.
 
Vor Gängen nervös
Vor dem Schlussgang in Sion, bei welchem er erneut auf Ernst Schläpfer traf, war Knüsel nicht kribbeliger als sonst. «Vor den Gängen war ich jeweils schon nervös, aber sobald ich im Sägemehl stand, löste sich die Anspannung.» Der Rest ist Geschichte. In der siebten Minute unternahm Schläpfer einen Brienzer-Angriff, welchen Knüsel konterte und rückwärts ableerte. Die Bedeutung dieses Erfolges realisierte Knüsel schnell. «Die Empfänge in Cham und Abtwil haben imponiert», schwärmt er. Die ganze Schwinger-Innerschweiz hatte auf diesen Erfolg gewartet. Noch heute geniesst er deshalb grosses Ansehen.
 
Genuss fehlte
Wenn Harry Knüsel 30 Jahre nach seinem grössten Erfolg der Laufbahn zurückschaut, findet er es schade, dass er diese Zeit nicht mehr geniessen konnte. «Es kam soviel auch mich zu, dass ich nur noch reagierte. Nun ist das etwas anderes, zumal ich als einziger Innerschweizer König noch heute oft angesprochen werde und Verpflichtungen in meiner Rolle wahrnehmen darf.»
 
Vom Königstitel hat der heute 55-Jährige profitieren können und daraus macht er keinen Hehl. «Ich konnte meinen Titel optimal vermarkten», sagt er und ergänzt: «Darum bin ich nicht etwa neidisch auf die heutigen Werbemöglichkeiten.» Privat und beruflich haben sich Türen geöffnet, die ansonsten wohl geschlossen geblieben wären. «Mein altes Umfeld habe ich aber nie verändert, es sind einfach viele gute Bekanntschaften dazugekommen.»
 
Heuer jährte sich sein Erfolg zum 30. Mal. Das wurde gefeiert, wie schon 10 Jahre zuvor der 20. Jubiläumstag. «Ein paar Tage vor Estavayer genoss ich in einer gemütlichen Runde mein Jubiläum und führte einige gute Gespräche.» Stoff für ein Buch etwa? «Nein! Ein Buch käme für mich nicht in Frage.»
 
Nachfolge geregelt
Fähigkeiten bewies Harry Knüsel aber nicht nur als Schwinger, sondern auch als Unternehmer. «Mit 50 habe ich die Nachfolge geregelt und mir Freiraum schaffen können.» Langweilig wirds ihm deshalb nicht. Seit zwei Jahren unterstützt er zudem die Bergbahnen Meiringen-Hasliberg. In jüngster Zeit amtet er zusammen mit Matthias Glarner als Botschafter für die einzigartige Ferienregion Hasliberg.
 
Den Schwingsport verfolgt er weiter interessiert und hat dabei festgestellt: «Der Sport hat sich nicht verändert, einfach das Drumherum. Leute die früher die Nase rümpften, sind heute begeistert.»
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Manuel Röösli

Redaktionsleitung

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