Bärenstarke Schwingerlegende der Neunzigerjahre

Während der wegen dem Coronavirus schwingfreien Zeit werden auf www.schlussgang.ch regelmässig Porträts von Schwingergrössen aus der Vergangenheit aufgeschaltet. Heute ist der Berner Oberländer Christian von Weissenfluh an der Reihe. Sein Porträt erschien im Jahr 2016. Der heute in Uetendorf bei Thun wohnhafte Hasliberger Christian von Weissenfluh zählte in den Neunzigerjahren zu den nationalen Spitzenschwingern. Die 23 Kranzfestsiege des Berner Oberländers sprechen dabei eine deutliche Sprache.
Christian von Weissenfluh (hinten) und Ruedi Odermatt am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest 1998 in Bern. (Foto: Robert Dillier)

Zum Schwingen kam Christian von Weissenfluh durch seine Eltern. Sein Vater Peter war in den für die Berner so erfolgreichen Siebzigerjahren eine wichtige Teamstütze und durfte sich drei Mal den eidgenössischen Kranz aufsetzen lassen. Für die Familie von Christian von Weissenfluh war es selbstverständlich, dass, bestritt der Vater ein Schwingfest, die ganze Familie anwesend war, um ihn zu unterstützen. So war es nicht verwunderlich, dass seine Söhne Peter und Christian sich ebenfalls für den Schwingsport entschieden.

Schon bald wurde ersichtlich, dass mit Christian ein talentierter Jungschwinger am Werk war. Nach dem ersten Kranzgewinn wurde das Feuer bei von Weissenfluh so richtig entfacht und er setzte alles daran, sich mit Riesenschritten der Spitze zu nähern.

Neue Trainingsmethoden
Dem jungen Haslitaler wurde bald klar, dass, wollte er mit der absoluten Spitze mitschwingen, das Training  gesteigert werden musste. Für ihn war sonnenklar, wollte er das hochgesteckte Ziel erreichen, musste er vor allem an der Kraft und der Fitness arbeiten. So entstand nach und nach ein Trainingskonzept, das in der heutigen Zeit als völlig normal gilt. Zusammen mit dem Sportarzt Dr. Bernhard Sägesser erarbeitete sich der strebsame Naturbursche ein für seine Zeit neuartiges Trainingsprogramm. Wenn er im Anfang von vielen leicht belächelt wurde, zeigten die erreichten Erfolge schon bald, dass er sich auf dem richtigen Weg befand.

Der selbstständige Unternehmer, der in diesem Jahr sein 20-jähriges Geschäftsjubiläum feiert, eilte plötzlich von Erfolg zu Erfolg. Schon bald wurden seine Trainingsmethoden von anderen talentierten Schwingern übernommen.

Endlich Knoten gelöst
Obwohl der heute noch topfite Unternehmer schon diverse Kranzfestsiege vorzuweisen hatte, brauchte er vier Anläufe, bis der grösste Traum, der Gewinn des eidgenössischen Kranzes, 1995 in Chur Tatsache wurde. Bereits in Sion 1986 schwang Christian von Weissenfluh im achten Gang um den Kranzgewinn, musste jedoch mit einem gestellten Gang die Heimreise ohne den Kopfschmuck antreten.

Die grösste Enttäuschung erlebte er am Eidgenössischen 1992 in Olten. In sämtlichen Medien wurde der Hasliberger als möglicher Königsanwärter gehandelt, was bei den gezeigten Leistungen in der vorhergehenden Saison keine Überraschung war. Mit vier Siegen und vier gestellten Gängen blieb er zwar ohne Niederlage, die Chancen auf den Kranzgewinn waren jedoch erneut entschwunden.

Kreuzband verhinderte Triumph
Eine eindrückliche Leistung zeigte von Weissenfluh nur ein Jahr später am historischen Unspunnen-Schwinget. Mit fünf Siegen qualifizierte er sich problemlos für den Schlussgang gegen Thomas Sutter. Was niemand wusste, von Weissenfluh hatte sich im ersten Zug des Schlussganges das Kreuzband gerissen. Mit diesem Handicap blieb er  chancenlos und musste den Sieg dem Appenzeller überlassen.

1995 und 1998 an den Eidgenössischen Schwingfesten in Chur respektive Bern schwang der Oberländer im siebten Gang beide Male um den Einzug in den Schlussgang. In Chur stellte er, in Bern gab es gar eine Niederlage.

Ebenfalls am Kilchberger Schwinget 1996 schwang der heute im Reitsport tätige von Weissenfluh gegen Rolf Klarer um die Schlussgangteilnahme. Leider musste er dort den Vortritt dem Basler überlassen. Dennoch möchte von Weissenfluh die Zeit als Aktivschwinger nicht missen. «Die 20 Jahre während meiner Aktivzeit waren die schönsten meines Lebens. Noch heute vergeht keine Woche, ohne dass ich auf meine Laufbahn angesprochen werde. Zudem hat meine Karriere sehr viel zu meinem Geschäftsleben beigetragen»

Traditionen wahren
Noch heute besucht von Weissenfluh pro Saison fünf bis sechs Schwingfeste. Zudem kommt es vor, dass er für die Leitung eines Schwingkurses angefragt wird, was ihm sehr grosse Freude bereitet. Durch seinen Neffen Kilian von Weissenfluh, der sich auf dem Sprung zum Spitzenschwinger befindet, hat er wiederum eine gewisse Nähe zum aktiven Geschehen gefunden.

Mit einer gewissen Skepsis sieht von Weissenfluh dabei den Entwicklungen entgegen, die in jüngster Zeit im Schwingen Fuss gefasst haben. «Wir hätten während unserer Aktivzeit die Sponsorenbeträge sicher nicht abgelehnt. Was jedoch heute zum Teil geschieht, ist in gewisser Weise ungesund. Die Schwinger sollten unbedingt selbstständig entscheiden können. Manager, selbsternannte Betreuer und Trittbrettfahrer, in welcher Funktion auch immer, haben im Schwingen keinen Platz.»

Werner Frattini

Freier Mitarbeiter Text

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